Das Projekt Fiumicina wurde von Johanna Dehio, Mascha Fehse und Johanna Padge im Rahmen von FLUX – Aktionen und Raumerkundungen entlang der Flüsse – initiiert und von Lungomare Bozen / Angelika Burtscher und Daniele Lupo kuratiert. In Form eines mehrjährigen Programms beobachtet und aktiviert sie die Flusslandschaften Bozens und verbindet künstlerisch-gestalterische, technologische und ökologische Aspekte mit Gemeingutgedanken, um eine experimentelle und gemeinschaftsorientierte Infrastruktur zu schaffen.
Fiumicina ist eine offene Küche am Fluss, die als Plattform dient, um gemeinschaftliches Kochen, Experimentieren und Reflektieren über nachhaltige Energienutzung und Ernährung zu fördern. Mittels einer experimentellen Solarküchen-Infrastruktur wird eine Verbindung zwischen lokalen Traditionen, klimabewusster Technologie und sozialem Austausch geschaffen. Küchen sind Orte des Zusammenkommens von Zutaten und Menschen, und das Kochen ein Anlass zum Austausch. In der Küche wird unsere Lebensweise konkret und sinnlich erfahrbar – was wir essen, für wen wir Essen zubereiten und mit wem wir unsere Gerichte teilen. Das Kochen wird jedoch überwiegend als nicht öffentliche Tätigkeit praktiziert und bekommt, wie andere Arbeiten der Fürsorge, weniger Aufmerksamkeit und weniger Bewusstsein als repräsentative und Erwerbstätigkeiten.
Seit Juli 2022 hat Fiumicina mehrere Formate erprobt, darunter temporäre Küchen am Ufer des Eisack und der Talfer in Bozen. Diese Begegnungsorte boten Workshops und Veranstaltungen an, die das Kochen mit Solarenergie, die Verarbeitung lokaler Lebensmittel und die Nutzung natürlicher Gemeingüter thematisierten.
2024 stand die Entwicklung einer funktionalen und skulpturalen Solarküchen-Infrastruktur im Fokus, an der Mitgebrachtes oder am Ufer gesammeltes erwärmt und gegart werden kann. Diese umfasst eine Solarküche bestehend aus einem Parabolkocher und Arbeitsflächen als abbaubare Struktur, die für die temporäre Installation im öffentlichen Raum geeignet ist. Der Fokus lag dabei auf dem Experimentieren mit der Technologie des Garens mit Hilfe der Bündelung von Sonnenstrahlen in einem Fokalpunkt, der ca. 3 Meter in der Höhe, außerhalb der Reichweite und damit ohne Verbrennungsgefahr über der Küche installiert ist. Gleichzeitig möchte die skulpturale Installation eine Sichtbarkeit und eine erste Berührungsmöglichkeit mit einer bekannten aber ungewohnten Energienutzung ermöglichen. In seiner besonderen Gestalt und Größe – der Solarparabol kann mit einem Durchmesser von über 2,5 Metern eine beträchtliche Menge Energie bündeln – will der Aufbau Sichtbarkeit von Alternativen zu unserem gewohnten Umgang mit Lebensmittelzubereitung und Ressourcenverbrauch in den öffentlichen Raum bringen. Ziel ist es, langfristige Nutzungskonzepte und ein resilientes Modell für urbane Räume zu entwickeln.
Höhepunkt in 2024 war das Festival „3 Tage am Fluss“, bei dem die Fiumicina für drei Tage zentral in Bozen an der Talfer installiert wurde. Während des Sonnenhöchststandes – zwischen 11 und 16 Uhr – konnten Besucher*innen gemeinsam mit täglich wechselnden Köch*innen Rezepte kochen lernen. Zu diesem Anlass wurden z.B. Menüs mit einem südtiroler Gerstensalat aus 2kg gegarter Rollgerste zubereitet, Brote und Kuchen gebacken, Kaffee gekocht oder Gemüse wie Paprika und Aubergine gegrillt. Im Anschluss fanden zwei Treffen mit Gästen und Expert*innen statt, bei denen über Kochen, Flüsse, Kümmer*innenschaft, Solarenergie, den öffentlichen Raum und Gemeingüter diskutiert wurde, begleitet von Verkostungen und Konzerten.
Das Projekt ist in Bozen, Italien, verortet, insbesondere entlang der Flüsse Talfer und Eisack. Der Flussraum in Bozen ist in besonderem Maße interessant,
weil er durchweg öffentlicher Raum ist, im Gegensatz zu vielen Ufergrundstücken andererorts. Diese Flüsse bieten einen spannungsreichen Übergangsraum zwischen urbanem und natürlichem Kontext. In seiner Dynamik – von sommerlicher Dürre bis hin zu Hochwasser – wird der Flussraum von der Fiumicina als Experimentierfeld genutzt, das die Wechselwirkungen von Mensch und Natur sichtbar macht. Er ist ein Zwischenraum, ein Dialograum zwischen urbanen Bedürfnissen und natürlichen Kräften. Für die Saison 2025 ist eine Kooperation mit lokalen Partner*innen geplant, die die Fiumicina in bestehende Infrastrukturen einbetten und erproben. Für 2026 ist eine Reise und Programmierung der Küche in Berlin und Hamburg in Kooperation mit dortigen Initiativen und Institutionen angedacht (Spore Initiative Berlin, Dragonerareal Berlin, MK&G Hamburg, PARKS Hamburg etc.).
Fiumicina richtet sich an diverse Zielgruppen: Anwohnende, Besucher*innen, lokale Initiativen, künstlerische und wissenschaftliche Expert*innen, Vereine, Gruppen, sowie Bildungseinrichtungen. Durch partizipative Formate wie Workshops und offene Küchen bringt das Projekt unterschiedliche Perspektiven zusammen und schafft einen Raum für kollaborativen Austausch.
Die Fiumicina hat mit dem Forschungsinstitut EURAC Research kooperiert und in einem partizipatorischen Prozess Bürger*innen und Organisationen vor Ort einbezogen, um das Potenzial von Fiumicina als gemeinsames Projekt der Stadt Bozen zu entwickeln. Während des Festivals waren Gastköch*innen wie Künstlerin Irene Lucas aus Wien, Künstlerin Paula Erstmann aus Berlin und Mikrobiologin Charumathi Seshagiri Rao / Cucina Cultura aus Bozen eingeladen. Mit Francesca Gotti (Architektin), Hilary Solly (Anthropologin), Pasquale Bonasora (Präsident Labsus) und Andrea Perini (Kulturdesignerin und Mitbegrü nder des MadreProject, Terzo Paesaggio) wurde Fürsorge in Bezug auf den öffentlichen Raum diskutiert, mit Irene Lucas (Künstlerin), Johannes Reisigl (Künstler und Kurator, Teil von KlimaKultur) und Ruth Heidingsfelder (Aktivistin, Teil von Scientists4Future & Climate Action South Tyrol) der Umgang mit natürlichen Gemeingütern besprochen. Verena Mur, Marco Stagni, Prakash Ramachandran und Sarada Barthi haben sich der Situation musikalisch in Küchen-Konzerten genähert. Das Programm wurde von der Kulturgenossenschaft Lungomare getragen und gemeinsam co-kuratiert, die in der Region, insbesondere in den Themenfeldern Kultur und Ökologie, gut vernetzt ist.
Im Zentrum steht eine interdisziplinäre Praxis, die künstlerische, physikalisch-technologische und gemeinschaftsbildende Ansätze verbindet. Die experimentelle Nutzung von Solarenergie als zentrale Technik symbolisiert das transformative Potenzial alternativer Energiequellen. Durch Workshops und Diskurse wird Wissen über nachhaltige Ernährung, Ressourcenschonung und gemeinschaftliche Prozesse vermittelt. Konkret werden Anwohner*innen und Interessierte eingeladen, eigene Rezepte mitzubringen und in der Küche zuzubereiten, im Austausch und gemeinsam mit anderen. In dieser Situation werden darüber hinaus Alltagsfragen nach Rollen, Traditionen und Räumen besprochen. Über den skulpturalen Charakter der Solarküche im öffentlichen Raum soll eine Sichtbarkeit für alternative Funktionsmodelle zu unseren gängigen und alltäglichen Gewohnheiten im Privaten, wie im öffentlichen, erreicht und eine Möglichkeit zum Umdenken angeregt werden.
Fiumicina greift zentrale Aspekte der transformativen Bildung auf: Es fördert kritische Reflexion, Empowerment und kollaborative Prozesse. Durch die aktive Einbindung der Teilnehmenden in die Gestaltung der Formate wird Selbstwirksamkeit erfahrbar gemacht. Gleichzeitig sensibilisiert das Projekt für die Nutzung natürlicher Energiequellen und regt einen Dialog über Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung an. Anhand der spielerischen Erkundung einer nachhaltigen und gesunden Kochweise werden die Kenntnis und das Lesen der Bedingungen, des Wetters, des Sonnenlaufs gefördert und eine Anpassung auf natürliche Gegebenheiten vorgeschlagen – in Hinblick auf eine demütigere, bescheidenere und reziproke Nutzung der Umwelt. Es werden zudem lokale Lebensmittel und Materialien verwendet, die urbane Umgebung und das erweiterte Umfeld der Stadt mit seinen spezifischen materiellen, räumlichen und soziokulturell konstruierten Gegebenheiten, dem gelebten Alltag und den vorgefundenen Energiequellen untersucht und gemeinsam die hier gegebenen Möglichkeiten erweitert und zelebriert.